Dr. Christine Bergmann
Dr. Christine Bergmann, Bundesministerin



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Dr. Christine Bergmann

Kurzinfo

Seit Oktober 1998 Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend
Studium der Pharmazie in Leipzig, Apothekerin;
1989 SPD; 1990-1991 Präsidentin der Stadtverordnetenversammlung von Berlin;
1991-1998 Bürgermeisterin von Berlin und Senatorin für Arbeit und Frauen
Mitglied des Abgeordnetenhauses von Berlin.


Zitat: "Machtteilen fällt Männern nach wie vor nicht leicht".

Die Angst, daß es 1989 nicht gelingen könnte, wirklich demokratische Verhältnisse nach dem Untergang der DDR zu schaffen, war ausschlaggebend für Christine Bergmann, "mit 50" in die Politik zu gehen. Die Aufbruchstimmung nach Oktober/November 1989 hatte auch sie ergriffen und der Wunsch, den nachfolgenden Generationen eine "bessere Zukunft" zu hinterlassen, brachte die Naturwissenschaftlerin in ihr bislang unbekannte Gefilde, wobei ihre naturwissenschaftliche Ausbildung und berufliche Tätigkeit, die sie analytisches und logisches Denken lehrte, dazu beitrug, sich in ihrem neuen Arbeitsfeld zurechtzufinden. Trotz fehlender parlamentarischer und politischer Erfahrung hat sie es nie bereut, diesen Schritt gegangen zu sein, auch wenn der Schwung der Umbruchzeit mittlerweile verlorengegangen sei und es nun wieder feste Strukturen gäbe, die es schwieriger machten, eigene politische Ziele umsetzen zu können. Als klassische Quereinsteigerin in der Politik wurde sie im Mai 1990 Präsidentin der Stadtverordnetenversammlung von Berlin, ab 1991 war sie dann Bürgermeisterin von Berlin und Senatorin für Arbeit und Frauen. Vorbild für ihr politisches Engagement war für sie immer Willy Brandt, der den Menschen in der DDR, so Christine Bergmann, immer das Gefühl vermittelt habe, daß er sich mit seiner Ostpolitik auch für sie engagiere. Im Grunde ihres Herzens sei sie immer Sozialdemokratin gewesen, und der Schritt, in die SPD einzutreten, lag für sie nahe. Diese Partei habe die Menschen in der DDR nicht im Stich gelassen und die Einheit vorangetrieben. Außerdem hätten die zentralen Themen der SPD, Chancengleichheit und soziale Gerechtigkeit, immer ihren grundlegenden Überzeugungen entsprochen.

Die Hauptthemen, für die sich Christine Bergmann bis heute engagiert, korrelieren mit diesen zentralen Politikfeldern der SPD: Arbeitsmarktpolitik, Frauen und Jugend sowie Chancengleichheit für alle. Nicht zuletzt ihre Sozialisation in der DDR prägte sie hinsichtlich ihres großen Engagements in der Arbeitsmarktpolitik, insbesondere im Hinblick auf Mädchen und Frauen. Auch wenn man die DDR rückblickend beileibe nicht als "Gleichstellungsparadies" bezeichnen könne, habe es eine hohe Akzeptanz für die Erwerbstätigkeit von Frauen gegeben. Ökonomische Unabhängigkeit, so Christine Bergmann, sei für sie ein wichtiger Baustein auf dem Weg zur Gleichstellung der Geschlechter. Vor allem für junge Menschen möchte sie deshalb gleiche Ausgangs- und Startbedingungen schaffen. Für junge Frauen gebe es insbesondere im IT-Bereich gute Berufsaussichten. Die fehlende Vermittlung dieses Sachverhalts in den Schulen sei ein großes Versäumnis. Mädchen sollten sehen können, wo ihre Chancen sind, dies gelte es zu erreichen. Auch wenn sich junge Frauen für eine Familiengründung entschieden, müsse durch unterschiedliche gesetzgeberische Maßnahmen die Vereinbarkeit von Familie und Beruf auch für die Frauen gegeben werden. Ein Schritt in diese Richtung sind die kürzlich durch das Bundesfamilienministerium erarbeiteten Modelle des Teilzeiterziehungsurlaubs für Mütter und Väter.

Die Quotenregelung im Politikbereich hält Christine Bergmann für enorm wichtig; ohne sie würde es zu keinem "Machtteilen" zwischen den Geschlechtern kommen. Die politischen Gremien würden nun gezwungen werden, nach fähigen Frauen zu suchen und Frauen würden zudem eine Chance sehen, in Führungspositionen zu gelangen. Leider werde das Wort Quote im Zusammenhang mit Frauen in einer abwertenden Weise verwendet, obwohl es hundert andere Quoten im Politikbereich gebe, über die sich niemand echauffieren würde. Sie hält die Quote in allen Bereichen für sinnvoll und plädiert für die Einführung einer qualifizierten Quotierung auch im öffentlichen Dienst, um Frauen auch in diesem Bereich Aufstiegschancen zu eröffnen. Sich selber bezeichnet Christine Bergmann als "die Doppelquote - Frau und Ossi". Die Quotenregelung und damit das Vordringen von Frauen in die oberen Politikhierarchien könnten dazu beitragen, vor allem jüngeren Frauen mehr weibliche Vorbilder zu geben, und sie damit zu ermutigen, sich in der Politik zu engagieren. Frauen würden sich zwar zunehmend neue Bereiche in der Politik erobern (Finanzsenatorinnen, Parteivorsitzende etc.), aber wichtige Bereiche, wie etwa der Wirtschafts- und Außenpolitikbereich seien noch nahezu männerdominiert.

Vor allem in diesen männerdominierten Strukturen sieht Christine Bergmann die wesentlichen Barrieren und Hemmnisse, die Frauen auf ihrem Weg in die Politikspitze überwinden müssen. Der hohe Zeitaufwand, der nötig sei, um an Stellen zu gelangen, an denen etwas entschieden wird, komme verstärkend hinzu. Frauen hätten oftmals durch ihre Doppelbelastung in Familie und Beruf nicht den zeitlichen Spielraum, an informellen Kreisen, in denen die Entscheidungen oftmals getroffen würden, teilzunehmen. Frauen haben, so Christine Bergmann, meist noch drei andere Jobs: "irgendwo läuft immer noch eine Waschmaschine". Aber auch in den Frauen selbst liegen Ursachen für ihr geringes Engagement im Politikbereich. Das traditionelle Rollendenken, das in der Gesellschaft nach wie vor tradiert ist, hemme auch Frauen. Vor allem Frauen mit Kindern hätten dadurch große Schwierigkeiten, ihr berufliches und politisches Engagement zu "rechtfertigen" - ein latentes schlechtes Gewissen, wenn sie beispielsweise ihre Kinder in Kindertagesstätten geben würden, begleite sie ständig. Hinzu komme ein subtiler gesellschaftlicher Druck auf die erwerbstätigen Mütter in Zeiten knapper Arbeitsmärkte, ihre Arbeitsplätze zugunsten arbeitsloser Männer zu räumen und ihren Aufgaben als Mütter nachzukommen. Ohne eine massive Unterstützung sei es demzufolge für Frauen sehr schwer, in die "Männerdomäne" Politik einzudringen; um dies zu erreichen, müsse erst die sog. "kritische [quantitative] Masse" an Frauen in diesem Bereich erreicht werden.

Die aktuellen Formen der Politik sind, so Christine Bergmann, auch nicht attraktiv genug, um Frauen zu motivieren, sich darin zu engagieren. Die Parteien müßten sich ändern, politisch aktive Frauen könnten dies vorantreiben; dies sei jedoch, so Christine Bergmann, ein hartes Stück Arbeit und ein langer Weg - von dem jedoch ein Stück schon absolviert worden sei.

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