Sabine Leutheusser-Schnarrenberger
Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, MdB



Credits

Interviews

Start

Index

Das Team

Hilfe

Ziele

email

[ European Commission, DG V ]

© Jan 2001

European Database: Women in Decision-Making

Sabine Leutheusser-Schnarrenberger

Kurzinfo

Mitglied des Bundestages
Studium der Rechtswissenschaften in Göttingen und Bielefeld
1978 Eintritt in die FDP
1979-1990 Leitende Regierungsdirektorin beim Deutschen Patentamt München
seit 1990 MdB; 1992-1996 Bundesministerin für Justiz
Rechtsanwältin in München
seit 1997 Mitglied des Präsidiums der FDP und des Bundesvorstandes



Zitat: "Frauen trauen sich heute mehr und früher zu als Frauen vor 20 Jahren - auch hinsichtlich der Frage, ob man Macht (im positiven Sinne) und Verantwortung übernehmen möchte"

Sabine Leutheusser-Schnarrenberger kommt aus einem politisch sehr engagierten Elternhaus, die Politik spielte zu Hause immer eine große Rolle. Der Schritt, nicht nur Konsument von Politik zu sein, sondern Akteur, kam nach Abschluß der beruflichen Ausbildung und war geprägt durch die liberalen Reformen in der Rechtspolitik und durch einen Rechtsprofessor in ihrem Studium. Der Sprung zur Mitgliedschaft und dann zur aktiven Politiklaufbahn entstand durch diese beiden Einflüsse. Vorbilder für ihre politisch aktive Karriere waren dabei für Sabine Leitheusser-Schnarrenberger zum einen (als "unabhängiger Widerspruchsgeist") Hildegard Hamm-Brücher und zum anderen in seiner Kontinuität im politischen Wirken der ehemalige bundesdeutsche Außenminister Hans-Dietrich Genscher. Die Nominierung für ihre erste (erfolglose) Kandidatur für den deutschen Bundestag 1987 betrieb sie nicht aktiv, sondern sie wurde "an sie heran getragen". Sie selbst begriff die Erfolglosigkeit dieser ersten Kandidatur nicht als Enttäuschung oder Niederlage, sondern als einen Lernprozeß, als eine Bereicherung für die Auseinandersetzung mit Vertretern anderer Parteien, der sie darin bestärkte, 1990 nochmals - dann mit Erfolg - für ein Bundestagsmandat zu kandidieren.

Entscheidende Wegmarke bzw. entscheidender Bruch in ihrer politischen Karriere war dann in ihrer Zeit als Justizministerin die Debatte in der FDP über das Abhören in Wohnungen und die Grundgesetzänderung, wobei Sabine Leutheusser-Schnarrenberger deutlich macht, daß es sich nicht um Einflußfaktoren auf ihre politische Karriere aus anderen Parteien, sondern aus ihrer eigenen Partei handelte. Der Einschnitt in ihre politische Karriere kam, weil sie grundsätzlich und konsequent ihre Auffassung vertrat, bewußt sehend, daß damit im Ministeramt - wenn man künftig glaubwürdig Politik machen wolle - die Konsequenz eines Rücktritts nahelag, wenn sie sich mit ihrer Auffassung nicht würde durchsetzen können. Diese Konsequenz wurde von ihr aktiv und mit vollem Risiko (einer Niederlage und damit dem Rücktritt) in Angriff genommen und durchgehalten.

Sie sieht in dieser Konsequenzhaftigkeit durchaus Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Nach wie vor sei es die Ausnahme, daß ein Minister oder Inhaber eines höheren Amtes wegen inhaltlicher Fragen aus dem Amt zurücktrete, meist seien es andere Gründe (persönliche Vorwürfe etc.), die diesen Schritt hervorbrächten. Sie selbst sieht die Notwendigkeit einer Geradlinigkeit im politischen Verhalten gerade auch von politisch herausragenden Personen. Frauen seien letztendlich in der Politik eher grundsätzlicher und agierten insgesamt eher sachbezogen, was damit einhergehe, daß Frauen, wenn ihre Auffassungen keine Mehrheiten finden würden, dann konsequenter als Männer in ihren Handlungen seien.

In der FDP gibt es keine verbindlichen Quotenregelungen bezüglich der Besetzung von Ämtern und Positionen. Sabine Leutheusser-Schnarrenberger war und ist selbst keine Anhängerin von verbindlichen Quoten in der Partei. Die FDP habe auch ohne Quote Vorgaben einhalten können, die andere Parteien erst durch die Quote verwirklichten. Den "entscheidenden Quantensprung", die Drittelhürde an Frauen in Funktionen und Ämtern zu überwinden, werde man verbindlich jedoch letztendlich wohl nur durch eine Quote erzwingen und einfordern können in der politischen Auseinandersetzung. Die Quotendebatte habe jedoch das Bewußtsein gebracht, daß Frauen tatsächlich benachteiligt seien und die Diskussion ausgelöst und befördert, was man tun könne, um diese Benachteiligung zu beseitigen und die Chancengleichheit voranzutreiben. Mit ihrer heutigen Einschätzung und ihrem heutigen Selbstbewußtsein könnten junge Frauen zwischen 20 und 30 mit dieser Debatte rückblickend jedoch nicht mehr viel anfangen. Frauen würden sich heute mehr und früher zutrauen, als Frauen vor 20 Jahren - auch hinsichtlich der Frage, ob man Macht (im positiven Sinne) und Verantwortung übernehmen möchte. Quer durch alle Bevölkerungsschichten und soziale Herkunft finde man bei jungen Frauen heute wenig Verständnis für die Quotendebatte, die politisch, so Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, auch kein Thema mehr sei. Thema sei jedoch nach wie vor, daß Frauen längst noch nicht in dem Maße partizipieren, wie das in einer partnerschaftlichen Gesellschaft eigentlich selbstverständlich sein müßte.

Eine grundsätzliche Diskriminierung von Frauen bestehe juristisch nicht mehr (letzter Bereich war die Situation von Frauen bezüglich der Bundeswehr, die durch europäische Gerichtshof-Rechtssprechung beseitigt worden sei). Tatsächlich bekämen Frauen jedoch nach wie vor bei gleicher Qualifikation, gleichem Alter etc. nicht überall für gleiche Arbeit die gleiche Bezahlung. Im täglichen Leben sei es für Frauen immer noch schwieriger; Frauen werde die familiäre Situation aufgebürdet, was zu einer Benachteiligung im beruflichen Bereich und auch in der Karriere führe.

Bezogen auf politische Karrieren käme jedoch auch hinzu, daß Frauen zunehmend sehen würden, daß sie im Beruf Erfolge haben können. Politik bzw. aktive politische Karrieren hießen zunächst (für Einsteiger) ehrenamtliche Arbeit. Hier würden sich Frauen im Zweifel (bezüglich einer Kombination von Familie, Beruf und Politik) eher gegen ein politisches Engagement entscheiden und die Konzentration auf - schwierig zu vereinbarend - Familie und Beruf legen. Dies sei mit ein Grund, daß Frauen in den Parteien noch deutlich unter den 50% lägen, die sie in der Gesellschaft ausmachten und wie es eigentlich ihrem Anteil entsprechen würde. Gegen eine politische Betätigung sprächen jedoch auch inhaltliche Gründe. Frauen würden sich eher überlegen, ob sie sich diese Belastung zumuten sollten. Männer gingen dagegen viel früher mit einer klaren Machtvorstellung an die politische Arbeit, hätten klarere Ziele und Vorstellungen im Blick, während Frauen weniger zielstrebig hinsichtlich der Planung einer politischen Karriere und außerdem - was einer politischen Karriere hinderlich sein könnte - eher auf Harmonie bedacht seien. Vieles, was auch nicht sonderlich attraktiv an Parteien generell sei, schlage dann noch negativ zu Buche hinsichtlich eines möglichen Engagements von Frauen.

Zusätzlich wirkten, so Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, strukturelle Barrieren, die Frauen auf dem Weg in höhere Positionen überwinden müßten. Frauen müßten angesichts der männerdominierenden Stellung in nahezu allen Parteien und Netzwerken von Anfang an sehr aktiv sehen, wie sie Unterstützung bekommen, müßten sich in den Parteien zusammenschließen, Netzwerke bilden und sich eine eigene Hausmacht und Basis schaffen. Hinzu komme, daß informelle Treffen meist in den Abendstunden stattfänden, Frauen könnten aufgrund ihrer Doppelbelastung (wenn sie Familie und Kinder haben) daran nicht immer teilnehmen. Dort würden jedoch Entscheidungen vorbereitet oder getroffen werden, woran auch nichts Verwerfliches sei: jeder sehe, wie er sich der Strukturen bedienen könne, die für ihn günstig sind. Für Frauen bedeute dies jedoch einen Nachteil.

Sie selbst, so Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, habe in ihrer Zeit als Justizministerin (erste Frau in dieser Position in der Bundesrepublik Deutschland) keine zutage tretenden Vorbehalte und keine Behinderung durch bestehende Strukturen erlebt, obwohl alle Führungsebenen im Justizministerium mit Männern besetzt waren. Die Medien seien jedoch mit ihr, wie auch mit anderen Frauen, die in die höchsten Führungsebenen kämen, anders, härter umgegangen. Dort wurden durchaus Vorbehalte laut, ob sie dieses Amt und die darin liegenden Aufgaben auch bewältigen könnte und Dinge spielten plötzlich eine Rolle, die bei Männern keine spielen würden. Sabine Leutheusser-Schnarrenberger rät in diesem Zusammenhang allen Frauen, die sich in die Politik begeben wollten, eine gewisse berufliche Erfahrung bereits zu haben und mitzubringen; dies schaffe ein gewisses Maß an Unabhängigkeit (auch gegenüber der eigenen Partei) bei eigenen Entscheidungen.

nach oben