Petra Pau
Petra Pau, MdB



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European Database: Women in Decision-Making

Petra Pau

Kurzinfo

1988 Diplom Gesellschaftswissenschaftlerin
seit 1992 Landesvorsitzende der PDS Berlin
1990-1995 Mitglied Bezirksverordenetenversammlung Berlin-Hellersdorf
1995-1998 Mitglied im Abgeordnetenhaus von Berlin
seit 1998 Mitglied im Deutschen Bundestag


Zitat: "Chancengleichheitsstrategien haben etwas bewirkt. Es ist jedoch nach wie vor nicht selbstverständlich, sondern die Ausnahme, daß Frauen in die oberen Ebenen gelangen."

Es war einerseits eine bewußte Entscheidung, die Petra Pau seit Ende 1989 dazu brachte, sich aktiv in der Politik und in der PDS zu engagieren. Sie wollte ein Stück mitgestalten und nicht nur Objekt, sondern Subjekt/Akteurin sein. Andererseits war es auch ein Stück Zufälligkeit; in Berlin wurde nach Menschen gesucht, die sich für die Kommunalwahlen nominieren lassen wollten. Auch die PDS suchte nach geeigneten Personen, u.a. für den bildungspolitischen Bereich. Da Petra Pau von ihrer beruflichen Bildung als Lehrerin hierfür geeignet schien, fragte man sie und sie stimmte zu. Sie wurde dann auch gewählt und war in der Bezirksverordnetenversammlung Hellersdorf zunächst ehrenamtlich tätig. Danach ging es schnell mit ihrer politischen Karriere. 1991 wurde sie (zunächst ehren- dann hauptamtlich) Bezirksvorsitzende der PDS in Hellersdorf, bis 1995 war sie weiterhin Bezirksverordnete, seit Herbst 1991 war sie stellvertretende Landesvorsitzende der PDS in Berlin, seit 1992 ist sie nach dem Ausscheiden von Andre Brie PDS-Landesvorsitzende. Sie selbst bezeichnet diesen Schritt auf die Landesebene als Beginn ihres Berufspolitikerinnen-Daseins und ihrer Karriere als Parteifunktionärin.

Zufällig war diese Entwicklung, weil sie nie daran gedacht hatte, Berufspolitikerin zu werden, es war nie ihr Lebensziel. Obwohl sie Männer grundsätzlich als zielgerichteter in ihrem Karriereverhalten bezeichnet, sieht sie, daß in der PDS das Prinzip Zufälligkeit generell in der Anfangs- und Gründungsphase dieser Partei galt. Ohne das Vakuum, das 1989 bestanden hatte, wären fast alle der jetzt politisch Aktiven nicht in die Politik gegangen. Daß Frauen in der PDS große Chancen hatten, führt sie auf dieses Vakuum in der Umbruchsituation zurück.
Zunächst war sie für den Westaufbau der PDS und Öffentlichkeitsarbeit zuständig, danach engagierte und engagiert sie sich in allen Bereichen der Berlin-Politik. Nicht von ungefähr nennt sie als ihr Vorbild für ihr politisches Engagement die Berliner Stadtälteste Ella Barowski, die sehr aktiv in der Berliner Politik war und sich nach 1989 für das Zusammenfügen von Ost und West einsetzte.

Grundsätzlich sagt Petra Pau, gehe es als Frau nicht darum, der bessere Mann zu sein in der Politik, sondern zu versuchen, eigene Zielvorstellungen umzusetzen. Ihr selbst war dabei ihre berufliche Qualifikation hilfreich: als Lehrerin hatte sie mit Menschen unterschiedlicher Altersgruppen gearbeitet und gelernt, integrativ zu denken und zu arbeiten, eine Fähigkeit, die sie auch heute noch in ihre politische Arbeit einbringen kann.

Neben der Berlin-Politik war sie lange im bildungspolitischen Bereich aktiv, seit 1998 (ihrem Einzug in den Deutschen Bundestag) beschäftigt sie sich vornehmlich mit Innen- und Ausländerinnenpolitik, Asyl- und Integrationsfragen. Ihre politischen Ziele haben sich dabei nicht geändert, es erfolgte nur eine inhaltliche Präzisierung. Dies hänge, so Petra Pau, auch mit der allgemeinen Situation der PDS zusammen; 1990 habe es niemand interessiert, was die PDS zu bestimmten Themen zu sagen hatte. Mittlerweile habe sich dies geändert, und auch sie sei gefordert, Stellung zu vielen Themen zu beziehen und Konzepte einzubringen, eine Situation, die sich mit ihrer Grundmotivation von 1989, sich politisch zu engagieren, decke und die sie auch befürworte. Ihre eigenen politischen Zukunftsvorstellungen nennt Petra Pau bescheiden: es wäre schön, wenn Alternativen wieder möglich und debattierbar wären in der Gesellschaft. Die Menschen zu ermutigen, sich wieder einzumischen und aneinander zu reiben, sieht sie als Voraussetzung dafür. Die tiefe Resignation in der Gesellschaft sei das Grundproblem, das es zu ändern gelte. Hinter all dem steht für sie die Vorstellung einer gerechteren und sozialeren Gesellschaft.

Die 50%-Quote für Frauen und Männer, die in der PDS gilt, bezeichnet Petra Pau als ungemein wichtig. Sie sei "die Krücke" zur Entwicklung und Förderung eines Problembewußtseins für die Situation der Frauen. Die Quote habe in ihrer Partei eine wichtige Funktion bei der Zusammensetzung der Landesvorstände und der Gremien allgemein gehabt; der durch die Quote entstandene innerparteiliche Druck sei enorm wichtig gewesen. Der Drang, der Mitte der neunziger Jahre bestanden habe, Frauen spezifisch zu fördern und ihnen Freiräume zu schaffen, sei jedoch auch in der PDS mittlerweile nahezu verloren gegangen. Die PDS habe sich, so Petra Pau, hier leider dem gesamtgesellschaftlichen Klima angepaßt. Diese Entwicklung liege jedoch nicht zuletzt am jungen Alter der PDS als Partei im bundesdeutschen Parteiengefüge. Eine Konzentration auf wenige - meist Männer - habe nahegelegen und habe sich zumindest auf Bundesebene tradiert; auf Landesebene hätten Frauen große Chancen, in die oberen Führungshierarchien vorzudringen und täten dies auch.

Die Chancengleichheitsstrategien haben einiges bewirkt; nach wie vor sei es, so Petra Pau, jedoch nicht selbstverständlich, daß Frauen in die oberen Führungsebenen gelangen, sondern die Ausnahme. Traditionelles Rollendenken sei immer noch vorhanden und zeige seine Wirkung bei der Besetzung von Spitzenpositionen. "Die Bundesliga" werde den Frauen wohl nicht zugetraut, die Landesliga schon, so Petra Pau in Anlehnung an die bundesdeutschen Vereinsstrukturen. Dies zeige sich auch daran, daß bei der Bundestagswahl von 1998 nicht zunächst oder vorrangig nach geeigneten Frauen für die Kandidaturen gesucht wurde, sondern Männer (z.B. Ex-Admiral Elmar Schmähling) nominiert werden sollten - auch wenn diese in parteipolitischer Hinsicht nicht "Bundesliga" waren.

Petra Pau räumt jedoch ein, daß auch der Mangel an Frauen dazu führe, daß nicht mehr Frauen in der Politik aktiv seien. Zudem würden Männer sich eher an neue Gebiete heranwagen, während für Frauen die Überlegung im Vordergrund stünde, ob sie mit diesem Engagement ihre eigenen Ansprüche tatsächlich umsetzen könnten. Dies habe nichts mit einem Minderwertigkeitskomplex der Frauen zu tun, sondern läge oftmals auch an der Schwierigkeit, das Privatleben mit dem politischen Engagement verbinden zu können. Frauen würden sich eher fragen, ob sie auf diesem Wege ihr Glück und ihre Erfüllung finden könnten. Auch für Petra Pau ist die Frage, was sie in die Politik einbringen kann und ob sie die Entwicklung mittragen kann, bei allen Entscheidungen immer präsent. Eine Zäsur würde sie setzen, wenn deutlich würde, daß sie ihre eigenen Zielvorstellungen nicht mehr einbringen kann oder ihre kritische Sicht auf die Geschichte nicht mehr mitgetragen werden würde, dann würde sie sich überlegen, ob sie sich weiterhin politisch aktiv engagieren würde. Eine Haltung, die in ihrer Konsequenz für Männer in der Politik nicht selbstverständlich war und ist.

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