Hannelore Rönsch
Hannelore Rönsch, MdB



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Hannelore Rönsch

Kurzinfo

1962-1983 Angestellte beim Gemeinnützigen Wohnungsunternehmen Nassauische Heimstätte
1963 Eintritt in die CDU
seit 1988 Mitglied des Präsidiums der hessischen CDU
1974-1980 Stadtverordnete
1980-1983 Stadträtin in Wiesbaden
seit 1983 Mitglied des Deutschen Bundestages
1991-1994 Bundesministerin für Familie und Senioren
1994-2000 stellvertretende Vorsitzende der CDU/CSU-Fraktion im Bundestag



Zitat: "Die Quotierung geht zu Lasten der Substanz in der Politik. Frauen müssen es aus eigener Kraft schaffen, denn was die Männer können, können Frauen schon lange. Es macht Frauen auch ein bißchen bequem, wenn sie wissen, sie ‚werden quotiert'."

Hannelore Rönsch stammt aus Hessen. Als sie 1963 in die CDU eintrat, befand sie sich in einer "politischen Außenseiterrolle": es war damals in Hessen nicht üblich, daß man der CDU angehörte. Im Rückblick bezeichnet sie die "Alleinherrschaft" der SPD damals in Hessen als das auslösende Moment, sich aktiv in der Politik zu betätigen. Vor allem den Widerspruch zwischen den von der SPD postulierten Ansprüchen hinsichtlich einer sozialen Politik und Gesellschaft und der von den Sozialdemokraten gelebten Realität empfand sie als nicht tragbar. Sie wollte politisch etwas bewegen und trat in die CDU ein, ohne daran zu denken, tatsächlich politisch aktiv - im Sinne einer Mandatsübernahme auf Landes- oder Bundesebene - werden zu wollen. Für ihre erste Nominierung und Kandidatur für den Deutschen Bundestag 1983 benennt sie mehrere Gründe: ihr Geschlecht (auf der Landesliste der hessischen CDU befand sich damals keine Frau), ihr Alter und ihre Ortsverbundenheit. Sie selbst hatte zu diesem Zeitpunkt nicht an eine politische Karriere auf Bundesebene gedacht, sie war junge Mutter, halbtags berufstätig und ehrenamtliche Stadträtin in Wiesbaden. Letztendlich gab sie dem Drängen ihrer Parteikollegen nach, obwohl sie nie gedacht hätte, welche Karriere dann auf sie "zukommen" sollte.

Trotz der Tatsache, daß Hannelore Rönsch, wie sie selbst sagt, auf dem "Frauenticket" in die Bundespolitik kam, ist sie absolute Gegnerin der Quotenregelung. Man sehe es bei den anderen Parteien deutlich, daß die Quotierung zu Lasten der Substanz in der Politik gehe. Auch die jüngere Generation könne mit der Quote, die sie ironisch "Rockquote" nennt, nichts mehr anfangen. Frauen müßten aus eigener Kraft ihren Weg in die und in der Politik schaffen, was die Männer könnten, könnten Frauen schon lange. Die Quotenregelung mache es Frauen, so Hannelore Rönsch, auch ein bißchen bequem, da sie wissen würden, daß sie "quotiert würden". Frauen könnten sich dadurch ein Stück ausruhen, wenn sie wüßten, daß sie auch über die Quote in ein Amt kommen könnten. An der einen oder anderen Stelle im politischen Bereich wäre die Quote zwar hilfreich gewesen. Hannelore Rönsch selbst empfindet die Quotenregelung aber immer ein Stück weit als eine persönliche Diskriminierung, da Frauen, die aus eigener Kraft in Positionen gelangt seien, sich nun ein wenig rechtfertigen müßten, wie und warum sie in diese Position gelangt seien.

Obwohl Frauen nach wie vor auch innerhalb der Parteien einer mehr oder weniger offenen Diskriminierung unterliegen und immer dreifach höhere Qualifikation als Männer erbringen müssen, um in eine Position zu kommen, votiert Hannelore Rönsch gegen die Quote. Man würde damit den Männern nur ein Argument gegen den Einsatz von Frauen an die Hand liefern, wenn Frauen nur qua Geschlecht und nicht qua Qualifikation eingesetzt werden würden. Sie ärgert sich darüber, da Frauen genauso gut qualifiziert seien wie Männer. Frauen müßten sich nur vergegenwärtigen, daß auf sie, im Gegensatz zur männlichen "Nadelstreifenfraktion", eine höhere Aufmerksamkeit gerichtet ist. Bei Frauen kritisiere man Sachen, die bei Männern nicht einmal wahrgenommen werden würden.

Sie wünscht sich, daß Frauen, auch wenn sie in höheren politischen Funktionen tätig sind, an der Bildung von Frauennetzwerken aktiver mitwirken würden, und daß diese Frauennetzwerke die Frauenförderung ernster nehmen würden. Momentan sei es immer noch so, daß auch Frauen, die in höhere Positionen gelangt sind, sich abschotten würden. In einem solchen "Exklusivjob", so Hannelore Rönsch, "will man exklusiv bleiben", hierin würden sich Männer und Frauen nicht unterscheiden. Die Sorge um die eigene Ablösung sitzt Frauen dann ebenso wie Männern im Nacken. Frauen in gehobenen Positionen hätten zwar die Chance, Frauen zu fördern. Daß sie dies aber oft nicht täten, liege u.a. in einem machtpolitischen Denken und Kalkül begründet, auch wenn ein anderes Verhalten die Barrieren für Frauen in der Politik mindern könnten. Grundsätzlich, so Hannelore Rönsch, bestünden die Barrieren für Frauen einerseits in den bestehenden Seilschaften und Netzwerken von Männern, die oft durch eine gemeinsame Ausbildung erzeugt wurde - "man kennt sich" und greift bei Absprachen auf diese alten Bekanntschaften zurück. Mittlerweile gäbe es genügend qualifizierte Frauen, der Rückgriff auf bestehende Strukturen bedeute für sie ein Nachteil. Aber auch die Frauen selbst würden dazu beitragen, daß sie in den höheren Etagen des politischen Machtbereichs nicht zahlreicher vertreten seien. Sie überlegten eher, ob sie den Ansprüchen der Funktion oder des Amtes auch gerecht werden können und würden über ein geringeres Sendungsbewußtsein als Männer verfügen, wobei dies eher auf Landes- als auf Bundesebene, so Hannelore Rönsch, zutreffe.

Als Hauptbarrieren, denen Frauen auf dem Weg in Spitzenpositionen begegnen, nennt sie die noch vorhandenen und wirkenden patriarchalen Strukturen und Vorurteile (Frauen müßten doppelt und dreifach so gut sein wie Männer, damit sie in die gleichen Positionen gelangen könnten) und die Doppelbelastung für Frauen, die in der schwierigen Situation münde, Kinder und Karriere miteinander zu vereinbaren. So sei es für Frauen nach einer Ausstiegsphase aufgrund von Erziehungs"urlaub" enorm schwierig, wieder in den Beruf einzusteigen. Sie machten dann häufig die Erfahrung, dass ihnen fehlende berufliche Praxis vorgeworfen werde. Die Gesellschaft komme hier ihrer Verpflichtung nach genügend Kinderbetreuungseinrichtungen nicht nach und sowohl die Väter als auch die Arbeitgeber seien oft nicht bereit, an dieser Stelle Verantwortung zu übernehmen. Aber auch Frauen ohne "Kinderpause" stießen bei der Karriereplanung auf innere Barrieren. So überlegten es sich Frauen dreimal, ob sie für Spitzenpositionen geeignet seien. Diese Art der Selbstblockierung sei in der Regel bei Männern in dieser Ausprägung nicht zu finden.

In ihrer eigenen politischen Karriere gab es zwei Brüche. Zum einen den "Bruch nach oben", der ihr 1991 das Amt der Bundesministerin für Familien und Senioren brachte. Sie bezeichnet die deutsche Wiedervereinigung als größtes Geschenk, das ihr die Politik machen konnte. Das Bundesministeramt trat sie gerne an, dieser Bruch hatte sie beflügelt, vor allem in dieser Zeit des Umbruchs etwas bewegen zu können. Zum anderen gab es einen (selbst herbeigeführten) "Bruch nach unten": trotz gewonnenem Wahlkreis bei der Bundestagswahl 1984 und trotz dem Wunsch der Partei- und Fraktionskollegen trat sie das Bundesministeramt 1994 nicht mehr an. Die Gründe hierfür lagen im personellen und fachlich bzw. sachlichen Bereich. Sie hatte sich, so Hannelore Rönsch, ihre Unabhängigkeit behalten und entschied sich nun dafür, nicht wieder als Ministerin zur Verfügung zu stehen. Grundsätzlich, so Hannelore Rönsch, bestehe für verheiratete Frauen eine andere Situation, die in der Absicherung durch ihre berufstätigen Männer bestehe. Dies versetze Frauen in eine unabhängigere Lage, die auch bedeuten könne, sich in beruflicher Hinsicht frei entscheiden zu können. Sie wurde stellvertretende Vorsitzende der CDU/CSU-Fraktion, eine Funktion, die sie mit dem Rücktritt Wolfgang Schäubles im Jahr 2000 wieder aufgab. Mittlerweile hat sie ihre politischen Arbeitsfelder nahezu komplett geändert. War sie in den Jahren ihrer bisherigen politischen Karriere in den Politikbereichen Städte- und Wohnungsbau, Familie, Soziales und Senioren tätig, so wendet sie sich nun dem Bereich der EU-Politik zu, vor allem dem Beitritt der Slowakei und Tschechiens. Hierauf beziehen sich auch ihre politischen Ziele: daran mitzuarbeiten, daß ein vereinigtes Europa in absehbarer Zeit verwirklicht werden kann.

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