Dr. Rita Süssmuth
Prof. Dr. Rita Süssmuth, MdB



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© Jan 2001

European Database: Women in Decision-Making

Prof. Dr. Rita Süssmuth

Kurzinfo

seit 1987 Mitglied des Deutschen Bundestages
Professorin für Erziehungswissenschaft an der Universität Dortmund (z.Z. beurlaubt)
1981 Eintritt in die CDU
seit 1986 Bundesvorsitzende der Frauen-Union der CDU
Mitglied des Präsidiums der CDU
seit 1987 Mitglied des Deutschen Bundestages
1985-1986 Bundesministerin für Jugend, Familie und Gesundheit
1986-1988 Bundesministerin für Jugend, Familie, Frauen und Gesundheit
1988-1998 Präsidentin des Deutschen Bundestages.


Zitat: "Alle Macht (ob sie stark oder schwach war), die Frauen bisher hatten, ist von Männern verliehene Macht".

Die Triebfeder, sich aktiv in der Politik zu engagieren, lag für Rita Süssmuth in dem Wunsch, jahrelange Forschungsarbeiten und Arbeiten im vorpolitischen Feld zu Familien- und Frauenfragen, die immer in ein Engagement für die Demokratie eingebettet waren, praktisch umzusetzen und aktiv an der Entwicklung der demokratischen Gesellschaft mitzuwirken. Sie stammt aus einer politisch interessierten und im öffentlichen Raum hoch engagierten Familie, die in zahlreichen Vereinen und der katholischen Kirche aktiv mitarbeitete. Vor allem ihr Vater förderte sie von Kindesbeinen an und trug dazu bei, daß sie sich in der Jugend-, Familien- und Frauenbildung, später dann u.a. in der Studentengemeinde und im Zentralkomitee der deutschen Katholiken engagierte. Im ländlichen Raum aufgewachsen, wollte sie zunächst die mittlere Reife absolvieren, um danach Krankenschwester zu werden. Dieser, wie sie es selbst nennt, "weiblichen Sozialisationsplanung" setzte ihr Elternhaus den Wunsch entgegen, sie möge das Abitur machen und anschließend studieren - ein Wunsch, dem sie nachkam. Das Studium der Philologie war für sie, wie sie es rückblickend formuliert, eine "Erleuchtung": sie hätte ihr ganzes Leben lang studieren können - eine Begeisterung für das Lernen und Entdecken neuer Dinge, die sie auch in ihrer jetzigen Tätigkeit als Politikerin nicht verlassen hat. Angesichts dieser Entwicklung verwundert es nicht, daß sie ihr Elternhaus auf die Frage nach ihren Vorbildern nennt.

Geblieben aus ihrer vorpolitischen Zeit sind die Themenfelder, in denen sie sich auch heute noch engagiert: Kinder, Jugendliche und Frauen; hinzugekommen sind außenpolitische Themenfelder. Sie setzt sich ein für sozial Schwache und für Ausgegrenzte gleich welcher Art, wobei es ihr allgemein immer um die Vermeidung von Desintegrationsprozessen ging.

Dies führt sie zu einer Vision einer künftigen Gesellschaftsordnung, in der die Menschen wegkommen von alten Verhaltensmustern, in der "an die Stelle von Siegern und Besiegten kooperative Wettbewerbssysteme treten", in der es nicht darum geht, wer oben und wer unten ist und in der ein kooperatives Miteinander der Kulturen möglich sein wird. Die größte Lernherausforderung besteht für sie darin, wie unterschiedliche Kulturen miteinander leben können und wie Menschen Interesse am anderen so entwickeln können, daß sie sich nicht - wie etwa in der alten Frauentradition - selbstvergessen engagieren, sondern eine gute Balance von Geben und Nehmen möglich sein wird. Vorbilder sind für sie hierin Nelson Mandela, Simon Peres und der Dalai Lama.

Rita Süssmuth gehört nicht zu jenen Frauenpolitikerinnen, die das, was Frauen stark gemacht hat, hinter sich lassen möchte. Den gegenwärtigen Trend, wonach Frauen nur nach oben kommen können, wenn sie sich dem männlichen Verhaltensmuster stark anpassen, und am besten überhaupt nicht über Frauenfragen und Frauenpolitik sprechen, hält sie nicht für den richtigen Weg. Frauen sollten aufpassen, daß nicht das auf der Strecke bleibt, wofür Frauen stehen: Fürsorglichkeit, Rücksichtnahme, Füreinandereintreten. Diese den Frauen zugeschriebene Tugenden sind ihrer Ansicht nach als Haltungen in der Gesellschaft für beide Geschlechter unverzichtbar. Wenn Frauen diese auch noch ablegten, würde "eine eiskalte Gesellschaft" das Resultat sein.

Hinsichtlich der Stellung von Frauen in der Politik spricht sie deutliche Worte: "Durch ein paar Leuchttürme wird momentan so getan, als stünde die Welt den Frauen so sperrangelweit offen", daß man "die Frauenpolitik in das Archiv der Geschichte" legen könnte. Dies entspreche jedoch in keinster Weise der Realität; die Chancengleichheit der Geschlechter könne nicht so nebenbei erreicht werden. Sie fordert, die Unverbindlichkeiten in der Frauenförderung durch klare Verbindlichkeiten und verbindliche Regelverfahren zu ersetzen. Die "gläserne Decke ist keinesfalls durchstoßen". Auch wenn man konstatieren könne, daß sich die prozentualen Anteile der Frauen am Berufsleben immens gesteigert habe, sei es noch ein langer Weg, bis Frauen in die oberen Kompetenzbereiche vorstoßen würden.

Auf dem Weg der Frauen in diese oberen Hierarchien stellt die Quotenregelung für Rita Süssmuth ein wichtiges Instrumentarium dar. Am liebsten wäre ihr ein Reißverschluß-Verfahren, das eine paritätische Besetzung der Ämter und Funktionen durch die Geschlechter sichern würde. Die in der CDU bestehende Drittel-Quote, die bei den Delegierten und im Bundesvorstand, nicht jedoch in der CDU-Bundestagsfraktion erfüllt wird, sei jedoch auch innerparteilich nicht unumstritten. Im Jahr 2001 steht die Quote in der CDU wieder auf der Tagesordnung; Rita Süssmuth befürchtet, daß es dann nicht wenige in der CDU geben wird, die sagen, man bräuchte die Quotenregelung nun nicht mehr. Sie wäre angesichts solcher Äußerungen froh, wenn die Quote auf dem jetzigen Niveau in der CDU zu halten wäre.

Die Frauen sind, so Rita Süssmuth, in der Politik in den "Vorhöfen der Macht" angekommen, vereinzelt bereits auch im Zentrum. Sie würden jedoch, wenn sie in die Spitzen vordringen, stärker als ihre männlichen Kollegen "eingenordet", so daß oft nicht sichtbar sei, welchen eigenständigen Handlungsspielraum sie noch hätten.

Die Barrieren und Hindernisse, denen Frauen auf dem Weg in die politischen Spitzenämter begegnen, liegen dabei, so Rita Süssmuth, auch bei den Frauen selbst. So sei die Lust an der Macht noch ein relativ junges Phänomen und bei den Frauen noch nicht weit verbreitet. Zweitens hätten Frauen noch keine adäquaten Strategien entwickelt - wenn Männer die Posten bereits verteilt hätten, fingen Frauen erst an zu diskutieren, ob und für wen sie den Posten haben wollten. Drittens fehle Frauen das Denken in Strukturen und Netzwerken und sie verfügten nicht über die hinreichenden Planungsstrategien. Viertens und dies dürfe nicht unterschätzt werden, sei "alle Macht, die Frauen bisher hatten, ob sie stark oder schwach war, von Männern verliehene Macht". Es würde nie danach gefragt werden, ob Frauen eine bestimmte Frau haben wollten, immer entschieden Männer, welche Frau sie haben wollen. Als Beispiel nennt Rita Süssmuth die Nominierung von Dagmar Schipanski: sie sei in einem Männergremium erdacht und vorgeschlagen worden - die Vorsitzende der Frauen-Union der CDU habe lediglich eine Mitteilung darüber erhalten. Fünftens würden Frauen viel stärker im Verbund: persönliche Lebensqualität, Familie und Beruf leben und denken. Die traditionelle Rolle, wonach Frauen für den privaten Bereich zuständig sind, wirke sich auf die Karriereentscheidung von Top-Frauen mit hoher Qualifikation, an denen es nicht mehr mangelt, negativ aus. Der auch für Frauen mit Karriereposten verbundene Streß und hohe Verzicht an Lebensqualität, schrecke viele Frauen von einer Übernahme dieser Posten ab.

Frauen sind zwar, so Rita Süssmuth, vor- und aufgerückt, handeln aber nach den von Männern vorgegebenen Denk- und Verhaltensmustern, die man zwar beherrschen müsse; das Ziel müsse es jedoch sein, die quantitative Schwelle der sog. "kritischen Masse" zu überwinden, damit Frauen nach ihren eigenen Vorstellungen Politik machen könnten.

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