Kerstin Müller
Kerstin Müller, MdB



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Kerstin Müller

Kurzinfo

Studium der Rechtswissenschaften
seit 1986 Mitglied bei BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
1990 bis 1994 Vorsitzende des Landesvorstands in NRW von B 90/DIE GRÜNEN
seit 1994 Mitglied des Deutschen Bundestages
1994 bis 1998 Fraktionssprecherin
seit 1998 erneut Fraktionsvorsitzende der Fraktion B 90/DIE GRÜNEN



Zitat: "Berlin tickt männlich. Aber ich bin davon überzeugt, dass sich das ändern wird. Denn: ‚Frauen sind einfach gut'."

Als Hauptmotivation aktiv Politik zu machen, nennt Kerstin Müller ihr Engagement für die Rechte von Minderheiten und für sozial Schwache in der Gesellschaft. Ihr Ziel ist eine gerechtere Gesellschaft. Angefangen als Schülersprecherin, später als Mitstreiterin in sozialen Bewegungen, wie der Frauenbewegung in Köln, wurde sie 1986 Mitglied der GRÜNEN. Ihre politischen Ziele änderten sich bis heute nicht, auch wenn sich ihr Aufgabenfeld durch ihre Tätigkeit als Fraktionsvorsitzende der Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen erheblich veränderte und erweiterte. Der Kampf für die Gleichstellung von Frauen, für die Quotierung, für die Abschaffung des Paragraphen 218, der Schutz der Flüchtlinge und deren Integration, das Engagement für die Rechte von Minderheiten in der Gesellschaft, die Frage der sozialen Gerechtigkeit und Verhinderung von Armut - diese gesellschaftspolitischen Fragestellungen waren Teil ihrer Entscheidung, sich politisch zu engagieren. Ihre politischen Ziele faßt Kerstin Müller in dem Wunsch zusammen, dass die Gesellschaft demokratischer werde, in dem sie die Bürgerrechte stärke. So legt sie aktuell ihren Schwerpunkt auf das Ziel, die Bürgerrechte für Migrantinnen und Migranten in unserer Gesellschaft zu verbessern. Sie hofft, die deutsche Gesellschaft akzeptiere bald, dass Deutschland ein Einwanderungsland sei. Auch wenn bereits kleine Schritte in diese Richtung vollbracht seien, sei unsere Gesellschaft von diesem Ziel jedoch noch weit entfernt. Der Wunsch, die oben genannten Ziele zu realisieren, war auch ausschlaggebend dafür, dass sich Kerstin Müller für das Studium der Rechtswissenschaft entschied.

Nachdem sie vier Jahre Landesvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen in NRW war, wurde sie 1994 in den Bundestag gewählt und wurde gemeinsam mit Joschka Fischer Vorsitzende der Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen . Mit der Wahl von Kerstin Müller zur Fraktionsvorsitzenden zeigten die Bündnisgrünen, dass bei ihnen sowohl die jüngere Generation als auch die Quotierung einen hohen Stellenwert hat. Den Anspruch, dass auch Frauen in Führungspositionen gehören, haben Bündnis 90/Die Grünen in ihren eigenen Reihen umgesetzt. Kerstin Müller bezeichnet rückblickend "den Sprung ins kalte Wasser" als gut gemeistert, sie habe sich behauptet und sich, nicht zuletzt auch aufgrund von Unterstützung und Solidarität in der eigenen Fraktion, ein gutes Standing erarbeitet.

Bei Bündnis 90/Die Grünen existiert eine Mindestquote von 50%, aktuell sind in der Bundestagsfraktion von 47 Mitgliedern 28 Frauen (rund 60%). Sie selbst ist eine absolut überzeugte Verfechterin der Quotenregelung und bezeichnet sich selbstbewußt selber als eine Quotenfrau. In einer männerdominierten Gesellschaft, so Kerstin Müller, seien Quoten nach wie vor notwendig, um qualifizierten Frauen die Chance zu geben, sich in wichtigen Positionen zu bewähren. Kaum eine der bündnisgrünen Frauen in Spitzenpositionen wäre ohne die Quote - trotz vorhandener Qualifikation - in diese Position gelangt. Dies liege daran, dass auch die bündnisgrüne Partei ein Spiegel der gesellschaftlichen Realität sei und damit auch hier die Besetzung von Positionen nicht anders funktioniere als woanders auch. In anderen Parteien und gesellschaftlichen Organisationen sei es immer noch so, dass sich die Männer nach vorne "mendeln" und "zwar trotz schlechterer Qualifizierung". Die Quotierung könne jedoch nicht alle vorhandenen Strukturen ändern. Wichtig für die Frauen sei es, sich Netzwerke zu schaffen - Netzwerke, die Frauen ermutigen, sich für Spitzenpositionen zu entscheiden und Frauen zu stützen, die sich bereits in diesen Positionen befänden. Aus dieser Erkenntnis heraus haben Bündnis 90/Die Grünen ein Mentoringprogramm für junge Frauen in der Partei angeboten. Ziel sei es unter anderem, dass junge Frauen von erfahrenen Frauen lernen und auch Vorbilder erfahren könnten. Damit solle auch das Selbstbewußtsein der jungen Frauen gestärkt werden.

Die Härte des politischen Alltags bringe, so Kerstin Müller, auch Frauen untereinander in eine strukturell bedingte Konkurrenzsituation. Daraus resultiere, dass Frauen in diesem Geschäft nicht zwangsläufig solidarischer miteinander umgingen und der Anspruch der Frauenbewegung der 70er Jahre (Solidarität unter den Frauen) nicht immer realisierbar sei. Dieses Konkurrenzverhalten sei ihrer Meinung nach auch durch die Beteiligung von mehr Frauen im politischen Geschäft kurzfristig nicht veränderbar. Hier seien grundsätzliche Strategien von Frauen nötig, deren Erfolge dann langfristig wirken könnten. Da es nur wenige Spitzenpositionen gebe, müßten die Frauen lernen, mit der Konkurrenzsituation umzugehen und diese auch auszuhalten. Frauen brächten jedoch bestimmte Fähigkeiten mit, z.B. eine bessere Diskussionskultur und kommunikative Fähigkeiten (sich kürzer Fassen, kein Wiederholen von bereits Gesagtem, weniger Dozieren und Monologisieren). Diese positiven Eigenschaften könnten die bisher verkrusteten und männerdominierten Strukturen und Verhaltensweisen im politischen Geschäft perspektivisch positiv verändern.

Als Hauptbarrieren, denen Frauen auf dem Weg in Spitzenpositionen begegnen, nennt sie die noch vorhandenen und wirkenden patriarchalen Strukturen und Vorurteile (Frauen müßten doppelt und dreifach so gut sein wie Männer, damit sie in die gleichen Positionen gelangen könnten) und die Doppelbelastung für Frauen, die in der schwierigen Situation münde, Kinder und Karriere miteinander zu vereinbaren. So sei es für Frauen nach einer Ausstiegsphase aufgrund von Erziehungs"urlaub" enorm schwierig, wieder in den Beruf einzusteigen. Sie machten dann häufig die Erfahrung, dass ihnen fehlende berufliche Praxis vorgeworfen werde. Die Gesellschaft komme hier ihrer Verpflichtung nach genügend Kinderbetreuungseinrichtungen nicht nach und sowohl die Väter als auch die Arbeitgeber seien oft nicht bereit, an dieser Stelle Verantwortung zu übernehmen. Aber auch Frauen ohne "Kinderpause" stießen bei der Karriereplanung auf innere Barrieren. So überlegten es sich Frauen dreimal, ob sie für Spitzenpositionen geeignet seien. Diese Art der Selbstblockierung sei in der Regel bei Männern in dieser Ausprägung nicht zu finden.

Frauen, die es geschafft hätten, und in der Politik aktiv in Spitzenpositionen tätig seien, würden von Seiten der männlichen Kollegen mit diskriminierendem Verhalten konfrontiert. Das müsse sich nicht immer subtil, sondern könne sich auch in offenen Aggressionen äußern. Auch für Kerstin Müller waren die ersten zwei Jahre ihrer Zeit als Fraktionsvorsitzende nicht immer einfach. Es gab Versuche, sie in ihrer Funktion als Fraktionsvorsitzende zu schwächen. Versuche, die sie umschreibt mit "man läßt sich doch nicht von einer Frau, noch dazu von einer jungen Frau, die Welt erklären". "Berlin tickt männlich", so Kerstin Müller pointiert, "Aber ich bin davon überzeugt, dass sich das ändern wird. Denn: ‚Frauen sind einfach gut'."

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